Erfolg und Scheitern von Gemeinschaften: Woran liegt’s? – Teil 1

Share on facebook
Share on whatsapp
Auf was kommt es bei der Gemeinschaftsgründung an? Im ersten Teil geht es um Erwachsenwerden, Werte und Kommunikation.
chickens-874507_1920

Zwei Jahre Gemeinschafts-Forschungsreise“ haben mich vieles gelehrt – insbesondere: Gemeinschaft will gelernt sein! Haltet euch fest: Mehr als 80% der Gemeinschaftsgründungsprojekte scheitern schon vor der Gründung oder innerhalb weniger Jahre danach.
Bei den ersten Kommunen in den 70er und 80er Jahren, als sich einfach ein Haufen Leute zusammentat und loslegte mit dem gemeinschaftlichen Wohnen und Wirtschaften, hat das oft nicht wirklich geklappt… und auch heute fällt eine gute Gemeinschaft nicht vom Himmel.


Woran liegt es, wenn Gemeinschaften scheitern?

Manchmal liegt es an Bürokratie, Finanzen und systembedingter Gewalt: Ein Investor schnappt der Gruppe das ersehnte Grundstück weg, Behörden verweigern notwendige Genehmigungen, oder es gibt Finanzierungsprobleme.

Manchmal liegt an persönlichen Gründen: Die Gründergruppe fällt auseinander, z.B. weil ein engagiertes Paar sich trennt oder wegen Nachwuchs keine Zeit mehr hat.

Oft liegt es an Kommunikationsproblemen und Streitigkeiten in der Gruppe. Viele Gruppen gehen davon aus, dass das mit dem gemeinschaftlichen Leben schon irgendwie funktionieren wird, wenn nur erst der passende Ort gefunden ist… doch das ist ganz und gar nicht selbstverständlich.

Was können also Gemeinschaftsgründer tun, um den Erfolg des Projektes wahrscheinlicher zu machen? Im folgenden gehe ich auf 7 Punkte ein. Dabei habe ich mich vom Gemeinschaftskompass inspirieren lassen sowie von vielen Gesprächen, Büchern und eigenen Erfahrungen.

Teil 1:

  1. Erwachsenwerden & Eigenverantwortung
  2. Authentische Kommunikation – bewusste Pflege des Miteinanders
  3. Intention: Klarheit über die Ausrichtung des Projekts schaffen
  4. Liebe und Klarheit statt „Toleranz“; Schuld loslassen
  5. Ausgleich von Geben und Nehmen

Teil 2:

6. Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen bewusst gestalten
7. Bewusster Umgang mit Hierarchie und Macht
8. Quellenprinzipien beachten
9. Praxis

1. Erwachsenwerden & Eigenverantwortung

Erwachsenes, eigenverantwortliches Verhalten ist eine Grundvoraussetzung, damit echte Gemeinschaft gelingen kann. Das Problem ist nur, dass die allermeisten Menschen in unserer Gesellschaft das nie gelernt haben! Viele stecken noch in Scham, Schuld und anderen kindlichen Mustern fest:

  • Die Sucht nach Anerkennung und Bestätigung;
  • die Erwartung, dass die Gemeinschaft dafür zuständig sei, meine Bedürfnisse zu erfüllen;
  • die Unfähigkeit, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse klar auszudrücken,
  • die Vorstellung, dass ich andere „retten“ oder erziehen müsste;
  • die Vorstellung, dass andere sich irgendwie ändern müssten,
  • Autoritätshörigkeit, Trotz oder Rebellion;
  • die Unfähigkeit, zuzuhören
  • die Unwilligkeit, Feedback anzunehmen oder zu geben,
  • die Vorstellung, dass mein Glück abhängig vom Verhalten anderer sei, oder dass andere schuld an meinem Leid seien;
  • Konflikte überspielen, vermeiden oder explodieren… statt sie direkt anzusprechen…

und so weiter und so fort.

Solche Verhaltensmuster sind Gift für jede Gemeinschaft, insbesondere wenn es unbewusst und unreflektiert geschieht. Deswegen zerfallen so viele Gemeinschaftsgründungsinitiativen schon zu Beginn.

Deswegen halte ich es für notwendig, dass alle Gemeinschaftsinteressenten sich verpflichten, bewusst mit diesen Mustern umzugehen und sie Schritt für Schritt aufzulösen.
Die anderen Gemeinschaftsmitglieder können dabei eine riesige Hilfe sein, oder auch externe Unterstützer.

Durch Bewusstheit und durch die Entschlossenheit zur gemeinsamen Entwicklung kann ein zusammengewürfelter Haufen Egoisten sich in eine echte Gemeinschaft verwandeln!

Ansonsten bleibt’s halt eine „normale“ WG. Das kann natürlich auch vollkommen in Ordnung sein! Es kommt drauf an, was man denn will…

2. Authentische Kommunikation – bewusste Pflege des Miteinanders

Authentisch und echt zu kommunizieren, ist für mein Verständnis eine Grundlage für Gemeinschaft!
Das ist, wie schon oben angedeutet, ein individueller Entwicklungsprozess – der aber durch gemeinschaftliches Leben stark beschleunigt werden kann.

Es viele Methoden der bewussten Gemeinschaftspflege. Zum Beispiel gemeinsame Rituale oder bestimmte Gesprächsformate mit bestimmten Regeln. Eine bewusste Kommunikationskultur ist hilfreich: Um Vertrauen zu bilden, um Offenheit zu ermöglichen, um zu gewährleisten, dass man einander zuhört… also um Grundlagen für authentisches Miteinander zu legen.

Für mich war ein wichtiger Schritt hin zu mehr Echtheit, die Haltung der gewaltfreien Kommunikation zu üben. Diese hilft mir, immer mehr Empathie und Mitgefühl für mich und andere zu entwickeln und um mich immer klarer auszudrücken.
Ich kann nur empfehlen, sich damit zu beschäftigen – und bei vielen Gemeinschaften ist das sehr gern gesehen, aus gutem Grund 😀

Viele Gemeinschaften leisten sich hin und wieder Termine mit einem externen Moderator, um ihre interne Kommunikation und ihr Miteinander zu fördern, um ihre Vision und Ausrichtung zu stärken, um Prioritäten zu setzen, um ihre Entscheidungsprozesse zu optimieren und mehr.

Eine solche Gemeinschaftsbegleitung bzw. Moderation von Gruppenprozessen kann ich mittlerweile auch anbieten – dank meiner vielfältigen Erfahrungen bei Gemeinschaften und nach diversen Fortbildungen. Bei Interesse melde dich gerne!

3. Intention: Klarheit über die Ausrichtung des Projekts schaffen

Wenn es unklar ist, was ein Gemeinschaftsprojekt eigentlich bezwecken soll, dann wird es tendenziell auch unklare Leute anziehen und sich in Verwirrung verlieren. Und umgekehrt: Wenn die Werte und Absichten des Projekts klar sind, können auch Menschen leichter entscheiden, ob ihre eigenen Werte und Absichten dazupassen – und ob sie dort leben wollen oder eben nicht.

  • Auf welchen Werten beruht unser Miteinander?
  • Was wollen wir eigentlich miteinander erreichen und umsetzen?
  • …und wieso?
  • Was ist jeder bereit und fähig, beizutragen?
  • Wozu verpflichten wir uns?
  • Was sind „No-Gos“ – das heißt, was müsste geschehen, damit jemand das Projekt verlässt?
  • Wie wollen wir Entscheidungen treffen?

Mit solchen Fragen sollte sich eine Gemeinschaft schon ganz zu Beginn auseinandersetzen – also noch vor der Gründung.
Die Antworten müssen ja nicht für alle Zeiten in Stein gemeißelt sein, denn oft verändert sich die Vision mit der Zeit.
Doch eine grundsätzliche Auseinandersetzung damit schafft Klarheit: Für die Gründer selbst, die ja oft viel Zeit und Geld ins Projekt investieren. Und auch für Interessenten, die wissen wollen, auf was sie sich einlassen, und ob ihre Lebensvision zu der der Gemeinschaft passt. So kann die Gemeinschaft Menschen anziehen, die zu ihr passen, die am gleichen Strang ziehen und die ihre Ziele mittragen.

4. Liebe und Klarheit statt „Toleranz“; Schuld loslassen

Gerade in linkspolitischen Kreisen sind Vorstellungen modern, dass man irgendwie alle Leute mitnehmen müsste, oder dass man anderen „Toleranz“ schulden würde – sogar bei asozialem Verhalten.

Solche Ansichten haben in meiner Erfahrung nichts mit der Realität zu tun. „Alle mitzunehmen“ ist pure Illusion, und statt „Toleranz“ finde ich Liebe deutlich sinnvoller.
Denn: Wenn jemand nicht mitgenommen werden will, sich nicht entwickeln will oder sich nicht mit den Werten der Gemeinschaft anfreunden kann (z.B. Bereitschaft zum Zuhören, verantwortlicher Umgang mit Konflikten, Beitrag zur anfallenden Arbeit, sinnvolle Feedbackkultur etc.), kann man diese Person ja nicht an den Haaren mitschleifen oder so lange mitschleppen, bis sie die Gemeinschaft von innen zersetzt oder sabotiert.

Mit (echter) Toleranz mag meistens wohl eher gemeint sein, dass man andere Menschen in ihrer Andersartigkeit wertschätzt. Das ist natürlich sehr wichtig! Doch in meiner Erfahrung wird Toleranz sehr oft missverstanden und kann sehr schnell in stilles Dulden umschlagen… und das ist Gift für jede Gemeinschaft.

Um es ganz deutlich zu sagen: Wer unkonstruktives oder gar zerstörerisches Verhalten still duldet, verhält sich nicht edel, sondern einfach nur feige und rückgratlos. Durch Nichtstun macht sich mit verantwortlich, wenn das Verhalten andauert und die Gemeinschaft zersetzt.
Stilles Dulden ist nicht liebevoll für den betreffenden Menschen, und auch nicht für die Gemeinschaft – sondern es wäre bloß ein Schuldkomplex.
Wer beziehungs-reich und gemeinschaftlich leben möchte, darf das Konzept von „Schuld“ getrost aus dem Fenster werfen und es durch Verantwortung ersetzen 😀 (Hier ist ein toller Artikel über den Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung. )

Viele Gemeinschaften haben das verstanden und haben deswegen z.B. eine Probezeit für neue Mitglieder, sowie ein klar definiertes Vorgehen bei Konflikten. Aus guten Gründen 🙂

5. Ausgleich zwischen Geben und Nehmen

Im Gemeinschaften gibt es oft viel zu tun, gerade in der Gründungsphase! Dafür braucht es einen guten Anteil an selbständigen „Machern“ – sowie auch Menschen, die sich davon inspirieren lassen und mitmachen.
Natürlich sollte jede(r) mal Pause machen dürfen und den eigenen Bedürfnissen nachgehen; und natürlich dürfen Gemeinschaften Wege finden, auch Menschen mit zu tragen, die zeitweise oder länger keinen Beitrag leisten können. Das steht völlig außer Frage.
Doch es gibt genug Menschen, die eine Gemeinschaft mit Mama und Papa verwechseln, in deren Schoß sie sich fallen lassen können, ohne einen angemessenen Beitrag im Ausgleich zu leisten. Und das hat leider schon viele Gemeinschaften zersetzt.

Also halte ich es für wichtig, in der Gemeinschaft ganz offen über den Ausgleich von Geben und Empfangen zu sprechen.

  • Was brauchen die Mitglieder von der Gemeinschaft?
  • Was braucht die Gemeinschaft von ihren Mitgliedern?
  • Wie werden die Aufgaben und finanziellen Kosten aufgeteilt?
  • Wie geht man damit um, wenn jemand für eine gewisse Zeit oder länger keinen Beitrag leisten kann (oder will)?

Weiter geht’s im zweiten Teil…

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, teile ihn gerne!
Auch Fragen und Anmerkungen sind herzlich willkommen -
in den Kommentaren, per Mail oder Facebook.

Herzensgrüße,
Manuela
Share on facebook
Share on whatsapp
Manuela Kuhar

Manuela Kuhar

Dies ist ein Blog für Gemeinschaftssuchende und -Gründer;
für Menschen, die Alternativen zu Vereinsamung, Leistungs- und Konsumwahn suchen;
sowie alle, die mit Herz und Hand positiven Wandel bewirken wollen…

Zu meinem Hintergrund: Ich habe einige Jahre lang als (Wissenschafts-) Journalistin gearbeitet. Mittlerweile habe ich mich von vielen Systemstrukturen unabhängig gemacht und mache nur noch das, was meinen Werten und Überzeugungen entspricht.

Seit Mitte 2018 habe ich viele verschiedene Gemeinschaften, Ökodörfer und andere spannende gemeinschaftliche Projekte in Deutschland besucht.

Du kannst diesen Blog unterstützen! 

Jede Spende hilft, diese Webseite zu einer hilfreichen Plattform auszubauen, wo Gemeinschafts-Suchende und Gründer Informationen und Erfahrungsberichte finden und teilen :-)
Ganz vielen Dank!

Ein Kommentar

  • Liebe Manuela ,
    das hast du sehr schön
    geschrieben,toll
    kann das alles bestätigen,
    weil ich es selber auch erlebt habe…!
    LG aus Berlin von Chris🙋‍♂️🤗🍀

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Dich auch interessieren:

Mensch – geh verwildern!

Irgendwas stimmt nicht mit unserer „Zivilisation“, nicht wahr? Wenn du diesen Blog liest, hast du das wahrscheinlich bereits erkannt 😉 Doch wie kann es anders

Möchtest du mit reisen – per Email?

Du bekommst 1-2x pro Monat eine Email mit Erfahrungsberichten, Tipps und Inspirationen aus verschiedenen Gemeinschaften. 

Du kannst dich jederzeit aus dem Newsletter austragen.
Ansonsten gilt die Datenschutzerklärung.