Wofür würdest du übers Feuer gehen?

Der Feuerlauf als Übergangsritual: Was, wenn deine größte Angst zu deiner größten Kraft werden kann - um scheinbar Unmögliches möglich zu machen?
Feuerlauf Vorbereitung Kohle

Wie soll das nur gehen?! Das frage ich mich schon den ganzen Tag. Über glühende Kohlen laufen? Ernsthaft? Ich habe bisher nur gehört, dass es möglich sein soll – doch kann ich das auch?!
Ich wollte schon immer wissen und erforschen, wie das Universum funktioniert. Doch Wissen ist nur mit eigener Erfahrung etwas wert – also will ich heute am eigenen Leib das scheinbar Unmögliche erfahren.


Die Kraft hinter den Gefühlen

Wir haben den Tag damit verbracht, uns mit unserer Wut und unseren größten Ängsten zu verbinden – sie zu spüren, zuzulassen, auszudrücken, damit von anderen Menschen wohlwollend gesehen zu werden.
Gefühle zu zeigen, ist ja heutzutage „uncool“ – doch unterdrückte Gefühle rauben allen Beteiligten Energie und machen krank. Eigentlich stecken hinter Gefühlen unglaubliche Kräfte, wenn man sie nur zulassen kann – Kräfte, die uns im Leben bzw. auf dem Weg zur Erkenntnis voranbringen können. Wir haben uns hier auf die Reise gemacht, diese Kräfte zu entdecken:

  • Die Klarheit und Handlungskraft hinter der Wut,
  • die Liebe und Verbundenheit hinter der Trauer,
  • und die grenzenlos kreative Schöpferkraft hinter der Angst, die Unmögliches möglich machen kann.


Jetzt haben wir schon einen intensiven Tag hinter uns. Zum Klang einer Schamanentrommel hatten wir uns mit dem Feuer in unserem Körper verbunden – und dem Feuer in der Mitte unseres Kreises. Dieses hatte alle Umstehenden gleichmäßig mit seinem Qualm bedacht.
Im Laufe des Tages ist uns allen klarer geworden, was wir in unserem Leben ändern werden, welche Entscheidungen wir treffen, welchen Preis wir dafür bereit sind zu zahlen und welche Ängste das in uns hervorruft – und wofür wir heute übers Feuer gehen wollen.

Die Vorbereitung und der Feuerlauf

Holzstapel für Feuerlauf

Unsere Gastgeber hatten bereits einen Anhänger voll Holz gesammelt. Wir schichten es nun zu drei Haufen auf und zünden sie an. Schnell lodert das Feuer gut drei Meter hoch – was für eine unglaubliche Hitze! Trotz aller Vorübungen war der Feuerlauf bisher nur eine abstrakte Vorstellung gewesen, und jetzt meldet sich echte Angst in meinem Bauch: Wie soll das nur funktionieren? Und was genau bedeutet es eigentlich, die Angst als Kraft zu nutzen?!

Zunächst schreiben wir unsere größten Ängste auf einen Holzpfeil. Dann lege ich die Pfeilspitze an den weichen Punkt am Hals zwischen den Schlüsselbeinknochen. Das andere Ende nimmt der Anleiter und drückt es in ein Loch in einer Plastikscheibe, um es festzuhalten. Entspanne deine Muskeln und vergegenwärtige dir deine größten Ängste, sagt er. Lasse sie aufsteigen, atme tief, leite die Energie in den Boden ab. Ich lasse es zu, dass mein Körper sich schüttelt. Ein Schrei steigt auf – und dann explodiert der Pfeil in Stücke.

War der Pfeil vielleicht sowieso ganz leicht zu durchbrechen? Das fragt sich der Teil von mir, der alles rationalisieren will. Doch letzten Endes ist es egal. Ich spüre, wie sich durch diese Erfahrung etwas in mir verändert hat. Die Angst vor dem Feuer ist immer noch präsent – doch sie fühlt sich anders an. Sie ist nicht mehr kalt und lähmend, sondern warm und pulsierend. Ein neues Vertrauen, eine neue Gewissheit und Selbstsicherheit ist da.

Dann ist es auch schon soweit. Das Feuer ist heruntergebrannt. Die beiden Anleiter verteilen die glühenden Kohlen, so dass ein etwa sieben Schritte langer feuriger Pfad entsteht.

Keine Eile, heißt es. Die eigenen Entscheidungen und die Angst aufsteigen lassen und genau diese Kraft nutzen, um das Unmögliche zu schaffen. Nicht auf die Kohle schauen. Den Blick nach vorne richten – auf das, was hinter dem Feuer, und damit hinter den eigenen Entscheidungen und Ängsten, liegt.

Ich brauche lange, um endlich den Entschluss zu fassen. Die meisten vor mir haben es unverletzt geschafft, doch einige haben eine oder beide Fußsohlen schmerzhaft verbrannt.
Also stelle ich mir die Frage nochmals: Für was gehe ich dieses Risiko ein? Für was gehe ich durchs Feuer?
Und siehe da, von innen kommen neue Antworten, wahrhaftig, echt und voll roher, wilder Kraft. Mit dieser pulsierenden Kraft angefüllt, gehe ich einfach los.



Drüben angekommen, werde ich von den anderen Teilnehmern freudig willkommen geheißen! Ich spüre eine so große Hitze und Energie in mir aufsteigen, dass mir nichts anderes übrigbleibt als zu schreien.
Ich schreie meine Lebensfreude und Lebendigkeit heraus, und meinen Entschluss, meine Kraft ins Leben zu bringen und das Leben voll zu bejahen – Schönheit und Schmerz, Licht und Dunkelheit und alles dazwischen. Ich bin lebendig!


Der Feuerlauf als Initiation

Was sich durch den Feuerlauf in meinem Leben verändern wird, wird sich zeigen. Eines weiß ich nun: Meine Angst kann mich nicht umbringen – und sie kann genau die Kraft sein, die das Unmögliche möglich macht!

Bei dieser Gelegenheit richte ich ein Wort an diejenigen, die materialistisch-wissenschaftliche Erklärungsversuche anbringen wollen. Manche sagen zum Beispiel, dass ein Feuchtigkeitsfilm zwischen den Füßen und der Kohle entstehen soll, der die Übertragung der Hitze verzögert. Das finde ich nicht überzeugend, denn du kannst ja mal versuchen, was passiert, wenn du ein Stück rotglühende Kohle einfach so mit den Händen anfasst! Doch ob es eine Erklärung im heutigen wissenschaftlichen Weltbild gibt oder nicht, ist irrelevant, denn es geht hier um etwas anderes. Ein Feuerlauf ist eine Initiation, ein Übergangsritual, wie sie indigene Völker kannten und noch kennen – und die in der modernen (Un-)Kultur verlorengegangen sind.

Die meisten Menschen in der westlichen Welt bleiben heutzutage auf dem psychologischen Entwicklungsstand eines Kindes stehen und übernehmen dementsprechend kaum Verantwortung für sich selbst, ihre Gefühle, ihr Leben und ihre Umwelt.
Initiationen können Menschen in ihre ursprüngliche Kraft bringen und ermöglichen erwachsenes Handeln und Fühlen und echte Verantwortungsübernahme.
Initiationen können aus dem Leben selbst kommen – in Form von Krankheit oder Verlust, Depression oder Tod eines geliebten Menschen, Reisen oder Nahtoderfahrungen.
Und andererseits gibt es auch die Möglichkeit, aktiv Situationen zu suchen, die dich über die Grenzen des bisher für möglich Gehaltenen schubsen.

Vielleicht ruft dich auch das Feuer?


Literaturtipps und Links zum Thema Initiationen:

Secrets of the Talking Jaguar – Martin Prechtel
Long Life, Honey in the Heart – Martin Prechtel
Women who run with the wolves – Clarissa Pinkola Estés
Possibility Management: https://de.possibilitymanagement.org/

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Herzensgrüße,
Manuela

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