Geld und Tauschlogik: Geht es auch ohne?

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Geldfrei leben: Wie kann das funktionieren? Und welche Auswirkungen hat die "Tauschlogik" auf unser Leben - und wie kann es anders gehen?
Adler Sonne

In den letzten Jahren habe ich viele Menschen kennengelernt, die für kürzere oder längere Zeit ohne Geld gelebt haben oder das immer noch tun. Auch ich versuche meinen Bedarf an Euros herunterzuschrauben – aus den Gründen, die ich in den ersten drei Artikeln dieser Serie dargelegt habe:
Teil 1 (Zinsen und zinsfreie Währungen), Teil 2 (Eigentum, Steuern und Alternativen) und Teil 3 (Alternative Finanzsysteme ).
Stattdessen verwende ich eine zinsfreie Währung (die E-Mark) und verfolge auch die Gradido-Initiative; und ich integriere immer mehr geldfreien Tausch in mein Leben.

In diesem Artikel geht es nun darum, welche Auswirkungen die „Tauschlogik“ auf unser Leben hat, und wie ein Leben frei davon – und ggf. frei von Geld – aussehen kann!

Manche sagen, dass Menschen früher – also vor der Einführung von Geld – angeblich die Schwierigkeit gehabt hätten, zum richtigen Zeitpunkt einen passenden Tauschpartner für sich zu finden. Um Tausch zu erleichtern, sei Geld als Wertaufbewahrungsmittel erfunden worden. Auch um sich zu spezialisieren, Arbeit zu teilen und sich dann untereinander auszutauschen, sei Geld einfach ein praktisches Tauschmittel.

Nun… diese Behauptungen vermischen zwei verschiedene Arten von Tausch. Also versuche ich hiermit, dieses Knäuel zu entwirren:
Tausch ist nicht gleich Tausch!

Bedürfnisorientierter Tausch (also Teilen und Schenken) bedeutet, dass alle Beteiligten freiwillig handeln können, ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend. Das sorgt für lebendige Beziehungen und Gemeinschaft.
In Familien, unter guten Nachbarn und auch in größeren Gemeinschaften braucht niemand „genau jetzt den passenden Tauschpartner für sich finden“. Man schenkt und teilt einfach miteinander und weiß, dass das was man gibt, auf jeden Fall von irgendwoher zurückkommen wird – egal ob von dieser oder einer anderen Person.
Auch Spezialisierung und Arbeitsteilung funktioniert wunderbar ohne Geld.
Gute Dorfnachbarschaften und indigene Gesellschaften machen das Teilen heute noch vor – nur leider haben es viele „zivilisierte“ Menschen verlernt; größtenteils da wir in einem Geldsystem aufgewachsen sind, das auf anderen Grundannahmen beruht, und nach einer anderen Logik funktioniert.

Das heutige Geldsystem beruht auf „Äquivalenztauschlogik“.
Das bedeutet: Wer etwas bekommen will, ist gezwungen, es zu „kaufen“, das heißt, man muss einen von einer Seite festgelegten „Preis“ für ein Produkt bezahlen.
Und umgekehrt: Menschen, die etwas geben wollen oder Geld brauchen, müssen etwas „verkaufen“ – ebenso zu einem einseitig festgelegten Preis.
Dabei werden meistens die Bedürfnisse und Fähigkeiten von mindestens einem Tausch-Beteiligten ignoriert:
Der Preis ist festgelegt…
– auch wenn Menschen gerade verhungern,
– auch wenn jemand lieber mehr oder weniger Geld geben oder bekommen möchte und kann,
– auch wenn jemand lieber etwas anderes als Geld geben oder bekommen möchte,
– auch wenn das Produkt gerade im Überfluss vorhanden ist, und auch wenn es sowieso im Müll landet, wenn es keiner kauft…

Die Folgen: Auflösung von Beziehungen und Gemeinschaft, Vereinsamung und Entfremdung, künstliche Knappheit, Ungleichverteilung von Ressourcen, Müllberge in Industrieländern und bittere Armut woanders…

Tauschlogik und Arbeit

Außerdem bedeutet (Äquivalenz-)Tauschlogik, dass sich die meisten Menschen hierzulande gezwungen fühlen, ihre Lebenszeit gegen Geld zu verkaufen, um ihre Grundbedürfnisse zu decken. Diese „Arbeit“ besteht viel zu oft aus Tätigkeiten, die wir eigentlich gar nicht tun wollen, und die Mensch und Natur schaden. Und sogar wenn jemand etwas Lebensbejahendes tun will, und seine Leidenschaft zum Beruf macht, passiert es viel zu oft, dass er/sie sich dann doch den „Zwängen des Marktes“ unterwirft und dann letzten Endes wieder seine Seele verkauft…
(mehr zum Thema steht in dem Buch „After Work“ von Tobi Rosswog ).

Und andererseits: Menschen, die einfach aus der Freude heraus schenken möchten, und die etwas Naturverbundenes oder Menschenfreundliches tun wollen, oder die sich einfach gut um ihre Kinder kümmern wollen, bekommen in unserer Gesellschaft oft Geringschätzung zu spüren, oder gar Schwierigkeiten mit dem Gesetz bzw. Finanzamt. Denn freiwilliges Schenken, Teilen oder gar Großzügigkeit ist im Rahmen der Tauschlogik dumm und unvernünftig.

Denn da stehen die Glaubenssätze der Tauschlogik im Weg, die viele von uns stark verinnerlicht haben: Zeit sei Geld… was nichts kostet, sei nichts wert… alles habe seinen Preis…wer großzügig ist, würde ausgenutzt… ein Mensch sei nur dann etwas wert, wenn er etwas „leistet“ (natürlich am besten gegen Geld)… man müsse sich seinen Lebensunterhalt „verdienen“ … wer nicht für Geld arbeitet, sei ein „Schmarotzer“… Menschen seien von Natur aus faul und müssten durch (wirtschaftlichen) Druck zum Arbeiten gezwungen werden… und so weiter und so fort.

Doch die eben genannten Glaubenssätze können sich in Nichts auflösen, wenn man erstmal beginnt, andere Erfahrungen zu machen. Ich zumindest habe mittlerweile vielfach erlebt, dass Menschen grundsätzlich mit Freude zum Wohlergehen anderer beitragen und gerne großzügig sind – wenn sie das freiwillig tun können!

Was tun?

Das alles heißt nicht, dass wir jetzt alle sofort Geld verteufeln sollten! Wir können das Beste aus der Situation machen und lebensbejahende Wege finden, mit Geld umzugehen – auch solange es in der heutigen Form noch existiert.
Ich sehe in der ganzen Situation eine kraftvolle Einladung zu einem Wertewandel. Denn wenn wir wollen, dass das Leben auf unserem schönen Planeten weiter blüht, brauchen wir eine neue Art von Geld und einen neuen Umgang damit – und damit wird auch ein Bewussstseinswandel verbunden sein, also eine Veränderung unserer Werte und Weltsicht verbunden sein.

Ich bin schon neugierig, wie das praktisch aussehen wird!

Es gibt schon viele Initiativen zur Reform des Geldsystems, die uns aus dem Zinssystem und der Tauschlogik befreien können. Beispielsweise die E-Mark und der Gradido: Diese stehen für die Vision einer Wirtschaft zum Wohl von Mensch und Natur – und sie können als Übergang zu einer geldfreien menschlichen Gemeinschaft dienen. Ich nutze die E-Mark bereits, z.B. um meine Dienstleistungen auf der Plattform KadaRi anzubieten, sowie um Lebensmittel und andere Dinge zu bezahlen. Dabei stelle ich es Menschen frei zu wählen, wieviel sie mir im Austausch anbieten möchten.

Weiterhin gibt es bereits viele Tauschbörsen im Internet – hier ein Überblick – und in vielen Städten gibt es z.B. Telegramgruppen, in denen Menschen Dinge zum Verschenken oder Tauschen anbieten oder suchen.

Auch während wir noch Euros brauchen, können wir kreativ mit Geld umgehen. Immer mehr Selbständige gestalten ihre Preise flexibel, oder stellen es Menschen ganz frei, was und wie viel sie im Tausch für etwas geben.
Andere finden Geldquellen, die unabhängig von Arbeitsleistung sind, um ihre Grundbedürfnisse zu decken und selbstbestimmte Tätigkeiten zu ermöglichen. Das geht zum Beispiel durch Sponsoren (Privatpersonen oder Unternehmen), Crowdfunding, Stipendien, Fördermittel einer Stiftung, Geld vom Staat, eine Rente oder ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Ander schrauben ihren Geldbedarf freiwillig stark herunter – bis hin zu geldfreiem Leben. (Hier gibt’s Videos zum Thema „geldfreier leben“ – und eine Dokumentation über eine Familie, die geldfrei lebt). Mit Armut, Schmarotzertum oder „Wohlstandsblockaden“ hat das für mein Empfinden (meistens) nichts zu tun, sondern mit einer bewussten Entscheidung für selbstgewählte lebensbejahende Tätigkeiten, Vertrauen, Beziehungen und Gemeinschaft.

Und: Wir alle können ganz bewusst mehr Teilen und Schenken ins Leben integrieren! Das allein sorgt Schritt für Schritt für ein Umdenken, und eine Veränderung unserer Beziehungen und Weltsicht. Und das, legt die Grundlage dafür, dass auch eine lebensbejahende Wirtschaftsform entstehen kann.

Bücher, Filme, Links rund um einen tauschlogikfreien Umgang mit (oder ohne) Geld

  • After Work von Tobias Rosswog: Radikale Ideen für eine Gesellschaft jenseits der Arbeit: Sinnvoll tätig sein statt sinnlos schuften
  • Tauschwiki
  • Film: Der grüne Planet : Außerirdische besuchen die Erde und machen Menschen auf die Absurditäten aufmerksam, die wir hier grad so am Laufen haben: Zum Beispiel Geld… 😀
  • Youtube-Kanal „Geldfreier leben“
  • Youtube: Dokumentation über eine Familie, die geldfrei lebt
  • Living in the Gift : Ein (englischsprachiger) Onlinekurs von Charles Eisenstein – hier geht es darum, wie wir statt Geld wieder mehr Beziehungen und Gemeinschaft in unser Leben lassen können. Du gibst im Tausch für den Kurs einen Geldbetrag, der sich für dich gut und richtig anfühlt.
  • Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich – von Charles Eisenstein: Ein wunderbar inspirierendes Buch, das Möglichkeiten aufzeigt, echte Veränderung in sich selbst und der Welt zu bewirken – ohne in alte Muster von Herrschaft und Trennung zurückzufallen. Das Buch sei jedem Menschen ans Herz gelegt, der gerne anders leben möchte, als der „Mainstream“ es vorgibt, und damit zu positivem Wandel beizutragen!

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Herzensgrüße,
Manuela
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Manuela Kuhar

Manuela Kuhar

Dies ist ein Blog rund um gesellschaftlichen Wandel und Transformation. Er richtet sich an Gemeinschaftssuchende und -Gründer,
an Menschen, die Alternativen zu Vereinsamung, Leistungs- und Konsumwahn suchen;
sowie alle, die mit Herz und Hand positiven Wandel bewirken wollen.

Zu meinem Hintergrund: Ich habe einige Jahre lang als (Wissenschafts-) Journalistin gearbeitet. Seit einigen Jahren habe ich mich von vielen Systemstrukturen unabhängig gemacht, erforsche insbesondere Gemeinschaften und Ökodörfer als Vorreiter eines neuen menschlichen Miteinanders, und tue das, was meinen Werten und Überzeugungen entspricht.

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